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#1 Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 01.11.2013 17:55

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Hallo zusammen,

gute Idee mit dem neuen Thread zum Thema "Spaß bei der Bahn"! Also geht es los und ich freue mich, wenn die jüngeren Kollegen ihre entsprechenden Erlebnisse hier aufschreiben - wofern das keine beruflichen Nachteile bringt...! Was ich damit meine? Nun, ich habe 1967 im BW Köln-Nippes meine ersten Monate bei der DB verbracht ... was da alles "gedreht" wurde, glaubt heute kein Mensch mehr! Und wenn ich das wahrheitsgemäß veröffentlichte (Internet-Foren sind nunmal weltweite Öffentlichkeit!), fürchte ich, daß das Bundeseisenbahnvermögen mir die Pension entzieht ... (grins).

Die infrarotgesteuerte E 143

Es begab sich anno 1991. Gemeinsam mit zwei Kollegen mußte ich die Ausbildung für die DDR-Konstruktion E 143 machen. Das Ding hatte sehr bald den Spitznamen "Wellblech"; das Innere mit seinen Kükendrahtabdeckungen war auch nicht das Wahre. Und x-mal "um die Ecke gedacht" war sie auch. Na ja: "Überholen ohne einzuholen"...

Die 143 wurde bei uns im S-Bahn-Verkehr eingesetzt; eine für Schnell- und Güterzüge konzipierte Lok hatte man mit Hängen und Würgen auf S-Bahn getrimmt. Daß dazu die Ausrüstung mit zeitmultiplexer Wendezugesteuerung nicht ausreichte, bekamen wir Lokführer zu spüren: Der "verdiente Rechner des Volkes" haute die vorgesteuerte Druckluftbremse rein, wie es ihm gerade gefiel, machte Zielbremsungen (Spiegel, Monitor) zum Glücks- oder Hasardspiel. Ich jedenfalls habe die 143 gehaßt.

Während der Ausbildung gab es "Fahrtage", also real fahren, im Regelverkehr. Wir waren mit dem Ausbilder unterwegs, fuhren die S 11 nach Bergisch Gladbach, einem Kopfbahnhof, wo jede Menge Eisenbahnfans uns mit Photoapparaten und Videokameras erwarteten: "Boh ey, die neue 143..."! Lok voraus fuhren wir in Gladbach ein, machten die Wende auf den Bxf-Steuerwagen, Bremsprobe, warten auf Ausfahrt. Zahlreiche Fans photographierten jede Schraube... Endlich: Ausfahrsignal auf Hp1, Abfahrtzeit. Wie mit den Kollegen abgesprochen, hockte ich mich vor das Führerpult, so, daß man mich von draußen nicht sehen konnte, eine Hand am Fahrschalter (Zugkraftsteller). Kollege K. schaute auf der Bahnsteigseite aus dem Fenster, betätigte "Türen schließen" und richtete die mitgebrachte Fernbedienung seines Fernsehapparates Richtung Lok, drückte konzentriert ein paar der Tasten und ich schob den Zugkraftsteller nach vorne, den Daumen auf dem Sifa-Kontakt. Und die S-Bahn fuhr ab ... scheinbar ausgelöst durch die Fernbedienung.

Nach rund 100 Metern setzte ich mich auf den Führersitz, wir lachten uns "schimmelig": Welche Gerüchte und Diskussionen haben wir wohl ausgelöst? "Doch, hab' ich selbst gesehen, die 143 kann man mit Fernsteuerung fahren!"

Vor lauter Lachen hätte ich fast den ersten Haltepunkt "verpaßt" - aber das muß man dem Wellblech lassen: seine E-Bremse war sehr leistungsfähig (ca. 9 t) und so konnte ich den Zug noch sauber zum Halten bringen.

Beste Grüße: Kurt

#2 RE: Lokführererlebnisse von Micha7fkb 01.11.2013 18:12

Kurt, der war gut
Weiter so.
Gruß
Micha

ein Nichteisenbahner, der damals auch zu denen gehörte die Lokführer werden wollte: Hatte mich damals informiert, was die Vorraussetzuing für war und hatte erst mal Schlosser gelernt. Und bin dann auf Montage im Abriß in Mitteldeutschland geladet und da versauert ... für manches brauchte man damals auch Vitamin B in der DDR....

#3 RE: Lokführererlebnisse von CAT 01.11.2013 19:22

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ja Kurt, muß ich auch sagen, DER WAR GUT.
mach ruhig weiter so, aber Deine Pension sollste nich verlieren.
Gruß Carsten

#4 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 02.11.2013 10:04

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Hallo,

freut mich, daß Euch die erste Story gefallen hat. In rund 30 Jahren auf der Schiene kommt einiges zusammen, was ich an dieser Stelle aufarbeiten kann. Ich werde niemals Namen nennen, allenfalls einen Anfangsbuchstaben setzen, und selbst das ist bisweilen noch kritisch - dann steht nur ein X. Und erzählen werde ich die Geschichten, wie sie mir in den Sinn kommen, also keine chronologische Reihenfolge vornehmen (wär' auch zu schwierig).

In den letzten Jahren hatten wir einen sagenhaft guten B-Gruppen-Leiter (später wurde er Dienststellenleiter), der "seine Lokführer" vor allen Problemen schützte - wofern man keinen Mist baute und den vertuschen wollte.
Besonderen Spaß bereiteten mir frei erfundene Vorschriften und Weisungen, die ich im Aufenthaltsraum aushängte und/oder ins "Weisungsbuch B" packte - auch das fand der Chef gut und sammelte diese "Arbeiten" in einem Ordner, was ich erst anläßlich meiner Verabschiedung erfuhr. Da waren sie, die "Toilettennutzungsverordnung" (ungerade Tage nur 1. Stock, gerade Tage nur 2. Stock, in schönstem Beamtendeutsch), die Untersuchungen am Abwassersammler mit Auflistung der gefundenen Schadstoffe (ich hatte vom Vitaminbonbon-Beipackzettel die Vitamine hingeschrieben; "Dexpanthenol" klingt doch echt giftig), das Verhalten bei Unterdruckstörungen an ICE-Toiletten und vieles, vieles mehr. Ihr seht, es waren bewegte Zeiten...

Ein neues Signal
Anno 1995 erfand ich gemeinsam mit einem mental ähnlich gestrickten Kollegen ein neues Signal: Blaues Ü auf weißem Grund, 50 x 45 cm, nachts zu beleuchten. Dieses "Überraschungssignal" besagte: Achtung, es folgt Überraschung im Bremswegabstand. Das Ü-Signal sollte (so der begleitende "Vorschriftentext") alle LF- und Fahrleitungssignale ersetzen, damit der kostengünstigen Vereinfachung dienen.
Im "Weisungsbuch B" waren obige Modalitäten nachzulesen und wurden hämisch kommentiert, bzw. nicht geglaubt. Ergo folgte der zweite Schritt: Beim Betriebsschreiner ließen wir zum Preis von fünf Flaschen Bier eine "Ü-Tafel" anfertigen und montierten sie im BW mit Bindedraht an einem Fahrleitungsmast kurz vor der Drehscheibe ... Überraschung im Bremswegabstand: Drehscheibe. Nun wurde das "neue Signal" ernstgenommen und sein Ruhm ging durch die Republik - in Mainz erzählte mir kurze Zeit später ein Kollege, daß in Köln...

Beste Grüße: Kurt

[ Editiert von Oldie_Kurt am 02.11.13 10:13 ]

[ Editiert von Oldie_Kurt am 02.11.13 10:18 ]

#5 RE: Lokführererlebnisse von Thomas der PIKO-Fan 02.11.2013 13:27

Ach, da kommt die Ü-Tafel also her! Die kenne ich auch, mittlerweile gibt es dazu sogar ein komplettes Signalbuch mit noch viel mehr von diesen tollen Ideen. Die Ü-Tafel ist natürlich auch darin enthalten.

Heutzutage ist so etwas leider nicht mehr möglich, schon der Gedanke daran etwas in einen der gefühlt 100 Weisungsordnern reinzuheften was nicht offiziell ist gilt schlimmer als Urkundenfälschung. Wenn da Jemand erwischt werden würde...
Früher war eben nicht alles schlechter, da wurde noch Spaß verstanden.

#6 RE: Lokführererlebnisse von GD-87 02.11.2013 14:44

da habe ich auch was fast aktuelles

vor 2 Wochen hatte ich an mehren Tagen jemanden zur Ausbildung bei mir auf dem Regio Shuttle und am 2. Tag hatten wir uns einen Spaß mit den Fahrgästen erlaubt

wir brachten ein paar Brikett mit und deponierten diese unten im Schaltschrank.

Da bei so gut wie immer die Tür zwischen Führerstand und Fahrgastraum offen steht (dient ausschliesslich der schnelleren Abwicklung an Haltepunkten )

Am Wendebahnhof Nachmittags im Werksverkehr, der Shuttle brechende voll

Getriebeschalter absichtlich ausgelegt und auf Luftpumpen gestellt

und leicht "Gas" gegeben -> Die Motoren liefen zwar hoch aber der Triebwagen bewegte sich nicht

Ich schimpfte und machte im Führerstand rum wie sau, der Kollege musste sich das Lachen verkneifen

jedenfalls unter den Augen der Fahrgäste, habe ich dann den Linken und rechten Schaltschrank geöffnet und drei Brikett von links nach rechts "in die Dampfmaschine" geworfen

dann schloss ich die Schränke wieder, klopfte an die Tankanzeige und sagte zum Kollegen schön laut:

" So jetzt müßte der Druck aber reichen"

Der Kollege fuhr langsam los und ich machte noch eine Durchsage:

" Aufgrund von fehlenden Dampfdrucks, können wir nun unsere Fahrt mit ca 3min. Verspätung fortsetzen, ich bitte um Ihr Verständnis"

Als sich der Triebwagen in Bewegung setze, ernteten wir Applaus und merkwürdig fragende Blicke, man konnte richtig sehen, dass so einige Köpfe rauchten

Ich schloss die Führerstandstür und konnte mich kaum noch halten ...

#7 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 02.11.2013 16:57

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Zitat
Gepostet von Thomas der PIKO-Fan
Ach, da kommt die Ü-Tafel also her! Die kenne ich auch, mittlerweile gibt es dazu sogar ein komplettes Signalbuch mit noch viel mehr von diesen tollen Ideen. Die Ü-Tafel ist natürlich auch darin enthalten.

Heutzutage ist so etwas leider nicht mehr möglich, schon der Gedanke daran etwas in einen der gefühlt 100 Weisungsordnern reinzuheften was nicht offiziell ist gilt schlimmer als Urkundenfälschung. Wenn da Jemand erwischt werden würde...
Früher war eben nicht alles schlechter, da wurde noch Spaß verstanden.



Hallo Thomas,

schade, daß mit der Privatisierung die Bürokratie zugenommen hat - eigentlich war doch das Gegenteil geplant (feix)?

Das von Dir erwähnte Signalbuch habe ich als PDF auf dem Rechner - sagenhafte Ideen! Soweit ich weiß, haben das Stuttgarter Kollegen verfaßt, die waren schon immer gut drauf. Um 1998 herum schickten sie ein Fernsehprogramm rund, da gab es u.a. 18:30 Uhr "Guten Morgen Deutschland", Wiederholung für den Geschäftsbereich Cargo... Und einen Krimi: "McGiver und der Triebwagen des Todes", etc., etc. Klasse!

Beste Grüße: Kurt

#8 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 02.11.2013 17:01

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Zitat
Gepostet von GD-87
da habe ich auch was fast aktuelles

" Aufgrund von fehlenden Dampfdrucks, können wir nun unsere Fahrt mit ca 3min. Verspätung fortsetzen, ich bitte um Ihr Verständnis"

Als sich der Triebwagen in Bewegung setze, ernteten wir Applaus und merkwürdig fragende Blicke, man konnte richtig sehen, dass so einige Köpfe rauchten

Ich schloss die Führerstandstür und konnte mich kaum noch halten ...




...och nee, ich brech' zusammen! Herrlich! Was glaubst Du, welche Theorien da entstanden sind...!!! Ja, die modernen Brikett-elektrischen Dampftriebwagen - das nenne ich innovativ! Lachkrampf, ich stell' mir das grade vor...

Beste Grüße: Kurt

#9 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 02.11.2013 17:08

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Hallo,

zusammenhangsweise fällt mir diese Story ein:

Anno 1994, ich hatte einen Auszubildenden dabei (für vier Wochen, das hieß damals "Gelenkte Beschäftigung"), der immer für einen Witz gut war. Wir fuhren die S 6 ab Köln-Deutz Richtung Köln-Mülheim. Um die Hauptgleise zu kreuzen, weist die Strecke ab Ausfahrt Deutz eine kurze, aber enorme Steigung auf; ich schätze um die 40 Promille. Wir krabbelten da rauf und mein Azubi schaute dauernd nach rechts, wo auf einem freien Platz eine große Kirmes aufgebaut war. Das inspirierte ihn, er machte in den Zug die Ansage "Immer wieder einsteigen, immer wieder mitfahren - tolle Fahrt hier!"

Na ja, nicht so krass die der brikettelektrische Triebwagen, aber ein kleines Späßchen...

Beste Grüße: Kurt

[ Editiert von Oldie_Kurt am 02.11.13 17:10 ]

#10 RE: Lokführererlebnisse von GD-87 02.11.2013 17:14

. es sind eben gerade diese Dinge, die den "Job" so angenehm machen und uns die Freude daran erhält

#11 RE: Lokführererlebnisse von Lernkern 03.11.2013 11:34

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Moin Kurt, Marcel und alle, die hier beitragen können.

Ein toller Thread, bitte gerne mehr von solchen Geschichten.

Dank und Gruß

Jörg

#12 RE: Lokführererlebnisse von tom tofte 03.11.2013 12:04

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Zitat
GD87: Als sich der Triebwagen in Bewegung setze, ernteten wir Applaus und merkwürdig fragende Blicke, man konnte richtig sehen, dass so einige Köpfe rauchten


Wahrscheinlich gab es Applaus weil sich das Fahrzeug endlich endlich doch noch in Bewegung setzte und das Schmierentheater zuende war und die fragenden Blicke waren wohl eher dem Geisteszustand oder dem von den Fahrgästen vermuteten vermeintlichen Alkoholgehalt der Triebfahrzeugführer gewidmet!

Witz komm raus - Du bist umzingelt!

#13 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 03.11.2013 16:10

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Zitat
Gepostet von tom tofte
[quote]GD87:

Witz komm raus - Du bist umzingelt!



Hallo Tom,

Du hältst es nicht für möglich, welches Schwachsinnspotential oftmals unterwegs ist! Gerade auf der S-Bahn fragte ich mich häufig, ob das alles wahr sein kann. Das etwa 15jährige Mädel mit dem Island-Pony und der Frage, was ein Fahrschein für das Pferd koste; der Biker, der seine dicke Kawasaki in den Einstieg wuchtete und damit geschlagene drei Minuten alles blockierte; die alte Dame, die mich fragte, ob ich Wasser für ihren Hund hätte - usw., usw. ÖPNV ist nicht selten Realsatire...

Beste Grüße: Kurt

#14 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 03.11.2013 16:30

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Hallo,

um das Thema „E 143“ zum Abschluß zu bringen, hier einige Impressionen von meiner damaligen Verwendungsprüfung. (Für jedes Fahrzeug war [ist noch?] eine besondere Ausbildung mit Prüfung erforderlich.)

Gut geprüft ist halb gefahren
Man schrieb den 20. Dezember 1991. Es begann gegen 8:00 auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof: Wir drei Prüflinge, der 26jährige Kollege A., mein Altersgenosse K. und ich, letztere also zwei „ältere Säcke“, trafen uns am Bahnsteig mit dem Prüfungsleiter, einem netten Herrn, der sich vorstellte: „Guten Morgen, mein Name ist B...“
Ich mimte Ehrfurcht: „Herr Dr. B.?“ (Der namensgleiche Doktor war damals Direktionspräsident!)
Der Prüfer: „Aber nein, ich heiße zufällig genauso - und der Präsident nimmt doch keine Prüfungen ab!“
Aha, schon klar.
Mit der S-Bahn-Leerfahrt ging's ins BW Düsseldorf, wo uns bereits Lehrlokführer X. erwartete, der unter den Augen des Herrn B. die Prüfung praktisch vornehmen sollte. X. war ein lieber Kerl, aber ein bißchen dröge, satirische Sprüche kapierte er nie. „Dann woll'n wir mal!“, strahlte er.
Kollege K. und ich schauten uns kurz an, dann bat K.: „Wir möchten bitte durchfallen!“
„Keine Chance!“, wehrte Herr B. ab.

Also nahm die Schmonzette ihren Lauf. Wie bei jeder Verwendungsprüfung ging’s zuerst draußen um die Lok herum, Abfragen der Konstruktionsmerkmale von Laufwerk, Gesamtfahrzeug und Besonderheiten (bei der 143 die Raderdungen). Dann rauf auf die Lok, Besonderheiten der Bedienung – und davon hatte die 143 mehr als genug: Sie war eine der wenigen Loks, die man ohne Ausbildung echt nicht in Gang bekam, weil sie bedienungstechnisch – wie schon in einem anderen Thread gesagt – „fünfmal um die Ecke gedacht“ war. Wer braucht schon die Betriebsprogramme „Nur Bremsen“, „Nur Fahren“, „Freier Auslauf“? Alles Kohl, der nur zum „Klavierspielen“ zwingt, so man denn diese Programme nutzen will. „Freier Auslauf“ beispielsweise: Nach Bedienen des Tasters beschleunigt die Lok an der Grenze des „Hinscheidens“ bis zur eingestellten Höchstgeschwindigkeit, dann fährt das Schaltwerk nach „0“ und der Zug läuft mit seinem Schwung weiter und aus. Toll, muß man unbedingt haben… Das und vieles mehr steuert intern der „Verdiente Rechner des Volkes“ (Masse 100 kg). Er überwacht auch die Anfahrschlupfwerte, was wir ironisch kommentierten, diese Baugruppe des Rechners verhindere zuverlässig das Aufbauen der erforderlichen Zugkräfte. Masse 100 kg – auch so eine Manie der DR: Auf fast jedem Bauteil der 143 klebte ein Schildchen mit Angabe des jeweiligen Gewichts; auf dem Hilfsluftpresser war zu lesen: „Masse 19 kg“. Wissen ist Macht...

Wir hatten die Führerräume durch, wo ich mich noch über die pathologische Perfektionszwängigkeit im DR-Sprachgebrauch mokierte: Man unterschied „Leuchtmelder“ und „Meldeleuchten“, von denen etliche (so die technische Beschreibung) „in der Dachvoute“ (über den Frontfenstern) angebracht waren. Der Begriff „Voute“ war schlicht daneben, der bedeutet nämlich „Decke“, „Gewölbe“, bzw. „Versteifungsteil zwischen Wand und Decke“. Das Wort sieht aber chic aus – überholen ohne einzuholen… Doch ich schweife ab, zurück zur Prüfung: Nun ging’s in den Maschinenraum, der über einen frei erreichbaren Seitengang sowie einen weiteren - mit Drahtgittertüren (Kükendraht) gesicherten - auf der anderen Seite der Lok betreten werden kann. Dort hineinmüssen war gleichbedeutend mit einer Verfluchung mittlerer Größe, denn wenn das angesagt war, lag eine fette Störung vor, deren beteiligte Apparaturen oftmals nur mit Schlangenmenschenausbildung erreichbar waren. Zurück zum freien Gang. Wir standen dort und der Lehrführer fragte dies und das, bis Kollege K. einwarf: „Ich weiß, wie die Lok in Henningsdorf gebaut wird!“
Lehrführer: „Tatsächlich? Erzählen Sie mal!“
Kollege K.: „Bevor die das Dach draufschweißen, kommt einer mit ‘ner Schubkarre und kippt die Bauteile rein; die werden dann da montiert, wo sie grade hingefallen sind.“
Damit hatte er das „übersichtlich-logische“ Design des Maschinenraums genau beschrieben…
Endlich standen wir vor dem auffallend kleinen, halb versenkt eingebauten Transformator. Der Lehrlokführer forderte mich auf, zu dem Teil was zu sagen. ‚Was soll ich dazu sagen?‘, dachte ich. ‚Ein fiepeliger Trafo, weiter nix…‘ Ich war ohnehin sauer, dachte an die von mir hoch geschätzte E 120 – und jetzt dieser Schienen-Trabi… Mein Blick blieb an der Temperaturanzeige- und -überwachungseinrichtung auf des Trafos Oberseite hängen: Ob’s heute noch so ist, weiß ich nicht, aber 1991 war das … gut festhalten … ein Einkochthermometer, wie Oma es verwendete! Die aufsteigende Quecksilbersäule schob einen Eisenstift vor sich her, der stets an dem Punkt stehenblieb, der die höchste zuletzt erreichte Temperatur markierte. Zum Zurücksetzen des Eisenstifts hing nebendran an einem Faden ein kleiner Dauermagnet. High Tech pur…! Und weil ich, wie gesagt, sauer war, äußerte ich das, was mir spontan in den Sinn kam: „Dies ist die Einkochthermometertemperaturüberwachungseinrichtung aus dem Hause VEB Haushaltsgerätebau Roter Löffel, steht auf ‚Mirabellen‘, wir können fahren.“
Großes Gelächter, befreiendes Gelächter. Der Prüfer: „Haben Sie immer solche Ideen?“ – „Oft.“

Endlich kamen wir zur Störungssuche. Der Lehrführer „sabotierte“ mit Isolierstreifen bestimmte Kontakte und der Prüfling mußte die dadurch hervorgerufene Störung in der Funktion nach Checkliste (früher nach Schaltplan) lokalisieren, bestimmen und beseitigen. Ich weiß nicht mehr, was er mir einbaute, es war aber relativ schmerzfrei, weil es vorangehen sollte – und Durchfallen war ja eh nicht drin, dazu wurden zu viele „143-Dompteure“ händeringend benötigt…
Kollege K., der zwischenzeitlich einige fiese Bemerkungen gemacht hatte, traf es härter: Die 143 hat für die Hilfsbetriebe (Fahrmotorenlüfter usw.) ein Drehstrom-Bordnetz, weshalb kommutatorlose Drehstrommotore verwendet werden. Gut gedacht, aber nun die DR-Praxis: Den Drehstrom erzeugt ein Umformer, Motor und Generator in einem, und wenn da eine Macke auftritt, geht gar nichts mehr! Besonders der kompakte Trafo ist beim Ausfall des Drehstromnetzes gefährdet, denn seine leistungsfähige Ölumwälzpumpe ist lebenswichtig. Folgerichtig gibt’s in der „Dachvoute“ die Meldeleuchte ÖLP, die den Stillstand der Ölpumpe anzeigt, was wiederum auf Störungen im Bordnetz hinweist. „ÖLP“ ist also eine extrem wichtige Anzeige, wehe, sie leuchtet während der Fahrt auf! Rien ne va plus. Also, Kollege K. sollte aufrüsten – die Anzeige ÖLP leuchtete permanent. Er kommentierte das ganz cool: „Es ölpt nicht!“ Ich habe vergessen, welche Drehungen und Wendungen er noch machte, schlußendlich aber „ölpte“ es, die Meldeleuchte erlosch, die Lok war betriebsbereit.

„Nun wollen wir an der PZB noch die Zugdaten einstellen“, sagte der Lehrlokführer.
„Wat is dat denn?“, konterte Kollege K.
„Herr X. meint die Indusi“, begütigte ich.
„Die mit ihrem Abkürzungsfimmel!“, ärgerte sich K.
Bei der vorhandenen Indusi-Bauart wurden die Zugdaten mit kleinen Rändelrädchen eingestellt, in der technischen Beschreibung „Daumenschrauben“ genannt … ja, ja, die Begriffsdefinitionen… Kollege K. betätigte die fummeligen Rändelrädchen und jede seiner Bewegungen wurde (zwecks Motivation) von begeisterten Ausrufen des Lehrführers begleitet: „Ja, jawoll, Sie haben den Bogen raus!“

Dann war Mittagspause angesagt, die Kantine wurde bevölkert. Anschließend fuhren wir mit einem Leerzug wieder zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, wo wir eine S 11 Richtung Bergisch Gladbach übernahmen. Fahren war unser täglich Brot, weshalb hier – von den eigensinnigen bremstechnischen Reaktionen der 143 mal abgesehen – keine Probleme auftraten. In Köln HBf übergaben wir den Zug dem planmäßigen Ablöser und ich fragte den Prüfer: „Wir sind doch jetzt durchgefallen?“
„Nein, alles bestens, alle haben bestanden!“
„Dürfen wir Sie auf ein Bier einladen?“
„Danke, meine Herren, aber Bier am Nachmittag...? Lieber nicht.“
„Wie wär’s denn aus gegebenem Anlaß mit einem Glas lauwarmem Weihwasser auf dem Melaten-Friedhof?“
Der Prüfer suchte das weite – „Lokführer sind ein böses Volk“, schrieb Brian Fawcett. So ganz unrecht hatte er wohl nicht…

Beste Grüße: Kurt

#15 RE: Lokführererlebnisse von Thomas der PIKO-Fan 03.11.2013 19:47

Manche ex. DB-Lokführer werden die 143 nie verstehen Das Thermometer im Trafo gibt es übrigens immer noch, erinnert aber wirklich ein wenig an den Einwecktopf, das muss ich zugeben.
Aber ich bin ein großer Fan dieser Lok und sie zu fahren ist für mich immer ein Genuss. Gerade die Sonderprogramme sind doch was Feines, der Freie Auslauf wurde hier z.B. auch für S-Bahn-Einsatz konzipiert. Man lässt die Lok auf Vsoll beschleunigen und das Schaltwerk läuft selber wieder auf 0, ist doch perfekt. So fährt man S-Bahn, beschleunigen und wenn es von der Strecke und Fahrzeit passt rollen lassen, der nächste Halt kommt ja gleich. Nur Bremsen ist sinnvoll bei längeren Gefällestrecken wenn eine kurze Stelle dabei ist wo die Lok sonst sinnloserweise aufschalten würde um Vsoll zu halten - so macht sie es nicht, spart Energie. Und logisch aufgebaut finde ich sie auch, vor Allem nicht so offen und ungeschützt (darum das Hasengitter) wie die Bundesbahn-Kübel aus alten Zeiten...

Aber die Geschichte ist wieder sehr amüsant, ich möchte da kein Prüfer oder Ausbilder gewesen sein .
Übrigens eine Feststellung (=Prüfung) bei einer neuen Baureihe ist auch heute noch Pflicht, besteht aus Fahren und Standprüfung mit Bauteilkunde, Weisungen und natürlich V-Dienst mit Störungssuche und A1.

#16 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 04.11.2013 09:40

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Hallo Thomas,

ich respektiere Deine Meinung zur 143 - vermutlich ist das auch eine Altersfrage: Wenn man zig Jahre 110, 140, 103 und 141 gefahren hat, wirkt die 43er arg kompliziert und mimosenhaft. Als ich 1991 mit dem Gerät S-Bahn fahren mußte, war das betriebliches Neuland (für die Lok). Der Rechner kalkulierte so, wie das für z.B. 60 Achsen Klotzbremse richtig gewesen wäre, aber mit drei S-Bahn-Wägelchen paßte das nicht zusammen: Die kleinen Bremsscheiben waren ständig an der Belastungsgrenze; man fuhr auf den Bahnsteig zu, Einbremsen mit 1 bar, die E-Bremse (ich weiß es noch: per Druckgeber gesteuert) wirkte kräftig, baute aber unter 30km/h rapide ab, die Lok (fast so schwer wie die drei Wagen) hängte sich an den Zug (bzw. drückte von hinten), also mußte man "in die Vollen gehen" ... und da stieg die E-Bremse aus und die Klotzbremse haute mit drei bis vier bar rein und löste und löste nicht (klar, hier war die Lösezeit eines klotzgebremsten Zuges programmiert, aus der Vollbremse konnte man ein Butterbrot essen, bis die Bremse gelöst war) ... Verneigung der Fahrgäste: Guten Tag, Herr Lokführer. Es war eine endlose Trickserei, die besonders bei der Einfahrt in Stumpfgleise (Prellbock!) apart wurde. Das und etliches mehr machte mir die 143 unsympathisch - und gegen meine geliebte E 120 war's wirklich eher ein Rettungsboot.

Beste Grüße: Kurt

[ Editiert von Oldie_Kurt am 04.11.13 9:41 ]

#17 RE: Lokführererlebnisse von Oldie_Kurt 04.11.2013 10:35

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Hallo,

nun scheint es an der Zeit, dem dahingegangenen bahneigenen Telephonnetz (BASA) einige Worte zu widmen. Soweit ich weiß, hat ein gewisser Herr Mehdorn das Netz verkauft und der Bahn damit ein Stück Geschichte genommen. BASA stand für „Bahnselbstanschluß“; um 1934 in Betrieb genommen, stellte es seinerzeit das modernste Telephonnetz der Welt dar: Es bot nicht nur kompletten Selbstwählbetrieb, vielmehr konnte man sich den Leitungsweg selbst zusammenstellen, beispielsweise von Köln über Mainz und Würzburg nach München, von dort über Hamburg und Dortmund zurück nach Köln. Jede Stadt meldete sich per Ansage vom Band, wie „Frankfurt – Frankfurt – Frankfurt“; einsilbigen Ortsnamen wurde ein „hier“ vorangestellt: „Hier Köln – hier Köln – hier Köln“. Wenn man den oben genannten Leitungsweg geschaltet (alle Städte im Fern-BASA besaßen dreistellige Kennziffern, z.B. Frankfurt die 955), also von Stadt zu Stadt durchgewählt hatte, ergab sich bei dem beschriebenen Weg natürlich ein gewisses Leitungsrauschen (war alles analog), das zum Zwecke netter Streiche nützlich war.

Die Möglichkeit zu faulen Witzen bot BASA ebenfalls, so hängte ich im Aufenthaltsraum mal ein Stellenangebot aus, demzufolge von BASA-Köln zwei Sprecher im Schichtdienst gesucht würden, für die Ansage „Hier Köln, hier Köln…“ Toller Job, acht Stunden immer diese zwei Worte sagen…? Einige Kollegen regten sich erstmal richtig darüber auf, daß irgendwelchen bedauernswerten Menschen sowas zugemutet wurde, nach kurzem Nachdenken war die Sache allerdings klar: Da hat doch wieder jemand Blödsinn fabriziert! Wer wohl?

Oder die Story mit dem „Service-Telephon“: Zahlreiche Kollegen hatten damals einen Garten, den sie mit viel Hingabe hegten und pflegten; Unterhaltungen darüber waren an der Tagesordnung. Anläßlich eines solchen Gespräches äußerte ich todernst, die Bahn, genauer gesagt: die BASA der Direktion Frankfurt, biete ab sofort einen Service für die Gartenfreunde, nämlich Ansagen, was zur Zeit im Garten zu tun sei. Erstaunte Gesichter: „Wie meinst du das?“
Ich zeigte auf das Telephon in der Ecke des Aufenthaltsraumes (so was Schwarzes mit Wählscheibe, ganz klassisch) und erklärte: „Du mußt nur die Nummer 955-882 wählen, dann kommt die Ansage mit dem Gartentip.“
Skeptisch nahm der Kollege den Hörer ans Ohr, wählte die Nummer, stand eine Weile starr, lachte dann: „Du Eierkopp – da sagt es immer ‚Gießen‘, ‚Gießen‘…“
„Ja ist denn Gießen im Garten verkehrt…?“

(Es gab bis Mitte der 1980er noch den eigenen Anschluß der Blockstelle Himmelsthür [Gegend von Kassel] – daß der besondere Möglichkeiten bot, muß ich sicher nicht im Detail aufführen…?)

Die langen Leitungswege (siehe oben) boten wunderbare Möglichkeiten, etwa vom Aufenthaltsraum aus nebenan liegende Büros anzurufen – wegen des Rauschens klang der Teilnehmer weit entfernt – und dort den herrlichsten Unsinn zu verzapfen. Einzelheiten führten zu weit. Die alte Bundesbahn … eine Welt für sich, eine schöne Welt…

Beste Grüße: Kurt

[ Editiert von Oldie_Kurt am 04.11.13 10:45 ]

[ Editiert von Oldie_Kurt am 04.11.13 10:46 ]

#18 RE: Lokführererlebnisse von DR83 04.11.2013 19:29

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Hallo

Marcel dein "Applaus" ruft in mir auch wieder eine Geschichte wach, aus Zeiten als ich noch bei der Erfurter Bahn gefahren bin. Ich muss vorwegnehmen, das die Bauform der Schiebetritte bei den Fahrzeugen des "Unterfrankenshuttles"(in der Folge nur noch "UFraShu", VT 014-VT 023) eine andere ist, als die der "alten" Erfurter Fahrzeuge (VT001-VT009).
So kam es wie es kommen musste, als Ersatzfahrzeug war der VT 009, der erste Alte auf Mittelpufferkupplung umgebaute RS1, auf den Kissinger Stern zu Gast war. Ich fuhr also den Schülerzug 13:13 ab Gemünden nach Bad Kissingen. Nun ist in Diebach der Bahnsteig recht niedrig und die Bahnsteigkante ist so gerade und gut in Schuss wie eine Indonesische Waldbahn. Beim Verkehrshalt in Diebach hab ich also wieder die Schiebetritte (von der einheimischen Dorfbevölkerung auch "Banker´l" genannt) mit ausgefahren. Als der Verkehrshalt beendet war, und ich die Türen schloss, kam keine Grünschleife zu stande, der Grund, klar, der vordere Schiebetritt hat sich auf der Bahnsteigkante "fest gefressen". Nun haben die (moderneren) UFraShu eine im Innenraum, mit Vierkant bedienbare Notentriegelung, der 009 aber hatte noch die alte Kurbel mit der man von außen ran musste. Nun ja, die Notbetätigung hatte er noch, die Kurbel nicht mehr. Zum Glück hab ich aber die Notentriegelung mit einen 17ner Schlüssel und einen Schlosserhammer gelöst, aber der Schiebetritt wollte partout nicht mehr rein, auch das davor schlagen mit den Hammer brachte keinen Erfolg. Wie nun weiter? Wer den 650 kennt weiß das auch der Taster Rangierfahrt, keinen Erfolg bringt und auch die Störfahrt die hätte trotzdem funktionieren müssen, ging nicht, wieso auch immer. Naja mit Hilfe des 17ner Schlüssels konnte ich den Endtaster betätigen und den Fahrzeug so vorgaugeln, das der Schiebtritt voll eingefahren ist. So bin ich dann mit mehr oder weniger schlürfenden Schiebetritt bis an das Ende des Bahnsteigs gefahren, hab dort den Schlüssel wieder raus genommen und den Schiebetritt mit den Fuss reingeschoben.
Und die Moral von der Begebenheit:
-Spontaner Applaus der wenigen Fahrgäste (dank Ferien)
-gut eine halbe Stunde Verspätung
-und ich hab die Schiebetritt bei den alten Erfurter Kisten gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

VG Matthias

#19 RE: Lokführererlebnisse von GD-87 04.11.2013 21:52

Hi Matthias,

all diese Geschichten kenne wir hier auch an den Adtraz Shuttlen, deswegen war man bei uns auch so schlau und hat die Dinger kurzer Hand ausgebaut

kannst ja den Tip weiter geben an die Erfurter

ich muss allerdings auch dazu sagen, das wir bis auf einen einzigen Bahnsteig, alle angehoben und modernisiert haben auf RS1 Niveau

Warum aber die "Störfahrt" nicht funktioniert hat, ist mir auch ein Rätzel

Grüße
Marcel

#20 RE: Lokführererlebnisse von EMD 05.11.2013 00:01

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Naja ich hab mich schon oft genug über die felenden Schiebetritte geärgert

Wäre ja aber auch nicht so wild wenn man stattdessen wie am WU unter der Türe noch ein festen Tritt hätte und Griffstangen daneben, aber so gar nichts ist schon mist...

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